Reinhard Bogisch

             Die Dinge sind leer in bezug auf eine inhärente Existenz.

Die augenscheinliche Formhaftigkeit der Dinge zerfällt, sobald man diese analysiert.
Spontan erlebt der Mensch die Dinge als aus sich selbst heraus existierend, als wären Sie immer so gewesen und würden immer so sein wie seine Sinne sie ihm präsentieren. Dies gilt nicht nur für materielle Dinge, sondern auch für Gefühle und Gedanken.
Erst durch Analyse erkennt man, dass die Dinge keine isolierte Einheit bilden, sondern sich zusammensetzen aus anderen Dingen und dass ihre Entstehung und Entwicklung in Abhängigkeit zur Umgebung stehen.
Alle Dinge bestehen aus Atomen – Protonen, Neutronen, Elektronen, Quarks. Diese wiederum aus, nun, Energie. Jedenfalls keinen eindeutig abgrenzbaren Einheiten mehr. Dies und die Annahme einer Singularität vor dem Urknall deuten auf eine Nondualität. Letztlich ist alles eins.
Der Mensch erlebt die Dinge spontan als formhaft (aus sich selbst heraus existierend), kann aber ihre Formlosigkeit erkennen.
Mein Anliegen ist es, diese Gleichzeitigkeit von Form und Formlosigkeit künstlerisch darzustellen ohne illustrativ zu werden.
Gleichzeitigkeit deshalb, weil für den Menschen beides von Bedeutung ist und er nicht das eine über das andere stellen kann ohne zu verlieren.
In der Malerei werden alle Formen von den kleinsten Einheiten der Malerei, nämlich Linien und Flächen definiert. Daher gibt es bei mir keinen Duktus, sondern nur homogene Flächen. Denn betrachtet man einen hingeworfenen Pinselstrich näher, so wird man feststellen, dass auch er aus verschiedenen Flächen besteht.
Eine Fläche = eine Farbe = kleinste Einheit. Da es aber keine echten Einheiten gibt, versuche ich, diese aufzulösen.
Um eine malerische Entsprechung zu den menschlichen spontanen und analytischen Sichtweisen zu erreichen, hebe ich zB. eine Form farblich stark vom Hintergrund ab und betone so ihre Formhaftigkeit und scheinbare inherente Existenz und halte dabei die sie bildenden Formen und passiven Linien (Flächen) kontrastarm, damit sie erst auf den zweiten Blick als bedeutsam erkannt werden.
Entstehung der Dinge in Abhängigkeit. Jedes Ding kommt erst zur Existenz durch Einwirkung anderer vorausgehender Dinge.
Die Entsprechung in meinen Bildern findet sich in einer Form (bzw. passive Linie), die sich einer anderen nähert und diese verändert. Eine aktiv erscheinende Fläche erscheint plötzlich als Produkt der passiven Linien des Hintergrund. So kehren sich passiv und aktiv um. Ein Wechselspiel von Ursache und Wirkung. 
Auch die scholastische Frage, ob nun passive Linien eine Fläche bilden oder zwei Flächen eine passive Linie, oder auch ob ein Strich gar eine Fläche ist, weisen auf die Formlosigkeit hin. Daraus ergibt sich, dass es keine eigentliche Form an sich gibt, sondern nur formbildende Prozesse. Oder mit dem historischen Buddha gesagt, es gibt keinen Handelnden, sondern nur Handlungen.

Dieses Konzept wende ich aber nicht auf alle Bilder an. Manche sind l’art pour l’art.

Mein künstlerischer Ansatz hat seine Wurzeln in der Zeit nach dem Abitur, als mich eine Aussage Sartres beeindruckte: Es kommt nicht darauf an, was aus einem gemacht wurde (durch die Gesellschaft / Lebensumstände) sondern was man aus dem macht, was aus einem gemacht wurde. Zeitgleich erläuterte mir eine Bekannte das Konzept der Koinzidenz.

Um den ersten Teil Sartres Aussage zu simulieren schloss ich die Augen und ließ den Bleistift frei über das Papier gleiten. Die daraus entstandenen Formen sollten künstlerisch als das gelten, was einem das Leben vorgibt, was es dann zu gestalten gilt („man daraus macht“).     Ich malte diese Formen flächig aus und setzte sie durch spezifische Farbzuweisung in neue Beziehungen. So entstand mein flächiger Stil, den ich stetig weiterentwickelte, wie oben beschrieben.